Aus dem roten Notizbuch des Therapeuten auf Seite 24 unten rechts die kleine Notiz: Als ich eines nachts am Rande meiner einsamen Wanderung in einen verführerischen See blickte, der das helle Mondlicht zauberhaft reflektierte, verwandelte sich dieses schöne und ruhige Bild in eine furchteinflössende Gestalt. Angsterfüllt fragte ich mein grausiges Spiegelbild: >>Wer bist du? Lebe ich oder sterbe ich bereits?<< Da antwortete mir der Spiegel: >>Ich bin das Licht.<< Und mein Schatten fügte noch hinzu: >>Du bist nicht allein.<<
Aus: Die Paganini-Identität Ana küsste Nicolos Hals und bemerkte, dass sie angetan war von dem Geruch. Es kribbelte in ihrer Magengegend. >>Oh, du riechst aber auch gut, etwas zimtartig, holzig, muss wohl an dem Geigenspiel liegen.<< Nicolo schaute verdutzt und antwortete: >>Aber ich spiele doch keine ... << Ein sanftes >>Psst<< ließ ihn unterbrechen. Doch nur kurz. Nicolo knabberte an ihrem Ohr und hauchte ihr dann zu: >>Ich habe gelesen, dass man von der Partnerin schwärmen soll, na ja, wenn man es tut. Oh, du unbeschreibliche Sehnsucht, ich zerreiße, du bist zuviel, ich weiß nicht, was ich zuerst machen möchte. Ich möchte dich sehen, dich fühlen, dich riechen, erleben, deine Brüste packen und massieren. Ich möchte, ich möchte ein Teil von dir sein, denn du bist das Paradies<< und streichelte dabei sanft ihren Handrücken. >>Nicolo, versuch es mal romantisch, ja, ohne Worte und mit weniger Brüsten packen.<< Seine linke Hand wanderte über ihren Körper, sehr zärtlich und langsam, voller Gespür für Ruhe und ihre Formen. Die rechte Schulter entlang, über ihren Oberarm, zurück zum Nackenbereich, entlang der Wirbelsäule hinunter zum Po, seitlich zur Hüfte, und mit dem Daumen langsam in brenzlicher Nähe ihres unteren Bauchbereichs. Seine Hand wanderte unter ihren Pullover und ein, zwei Finger hatten gefährliche Tendenzen. Sie folgte seinem gefährlichem Plan und schien kurz davor zu sein, einen Schritt weiter zu gehen als er. Nicolo war ganz unruhig über die bedrohliche Wanderung ihrer Hand. Es fehlte nicht viel um ... , doch dann wanderte ihre Hand zurück und kniff ihm in den Hintern. >>Huuuu<<, hauchte Nicolo ihr ins Ohr - >>Ich sterbe. Ich sterbe!<< Sie sagte nur >>Silencio<< und küsste ihn dann. Dabei saugte sie sanft an Nicolos Zunge, sie tat es wieder und wieder. Und Nicolo starb dabei. Jedes Mal starb er aufs neue. Sie hatte ihn emotional überwältigt. Und endlich ruhig gestellt. 34 Minuten später. Sie sprachen wieder verbal miteinander. >>Ana, man könnte meinen, du wärst Musikerin, du hast so einen gefühlvollen Rhythmus. Ich sterbe noch jetzt!!! So viele Tode bin ich noch nie gestorben, und ich habe schon so manches gesehen. Und du riechst so unbeschreiblich gut. Noch immer.<< Sie lächelte nur und nahm seine Hand, hauchte ihm dann ins Ohr: >>Du stehst auf Kitsch, oder? Na, dann sei dir gesagt. Du hast mich bereits getötet, mein Herz ist ebenso zerbrochen. Es war gerade eben einfach zu schön, unerträglich schön. Ich bin so unendlich glücklich, dich hier getroffen zu haben. Und ich werde nicht betonen, dass wir uns bereits kannten. Glaube mir, so was habe ich noch nie getan, aber du hast mich überwältigt. Wir werden diesen Tag niemals vergessen!<<
Aus: Die Paganini-Identität Arnold, der verkrampft versuchte, wie ein entspannter Politiker zu wirken, konterte: >>Ja einen Moment, ja, Ana, darauf komme ich gleich zu sprechen. Auf jeden Fall war Schönbergs Musik schon lange vor den sogenannten Heavy Metal und wie sie alle heißen schräg. Aber schräge Musik ist kein Selbstzweck. Er komponierte nicht, soweit ich weiß, nur weil es schief war. Auch aus dieser Musik ertönen die gleichen emotionalen Ausdrücke, nur halt anders gesprochen. Teilweise wurden aber auch endlich die Dinge gesagt, die sich vorher keiner traute. Ausgebuht wurde er manchmal für seine Musik, und doch traf er genau den Zeitgeist. Ich liebe diese Musik und ersehne mir den Tag, wo es ein jeder Postbote morgens vor sich her summt.<< Ana nickte und schaute rüber zu Nicolo. Dieser flüstere ihr zu: >>Arnold ist ne Labertasche. Er erzählt immer unaufgefordert gleich einen ganzen Roman, auch wenn es keinen interessiert und niemand diese ganzen belanglosen Details und persönlichen Meinungen hören will. Sind wir aber trotzdem mal höflich. Eigentlich ist er ja in Ordnung.<< Arnold ermahnte mit einem deutlich akzentuierten >>ZUHÖREN<< und redete dann wasserfallartig weiter. >>Ach, weißt du, Nicolo. Es ist doch heutzutage so. Die Massen interessieren sich nur noch für das, was leicht und eingängig ist.<< Nicolo flüsterte Ana zu: >>Und jetzt fängt er an zu predigen - blabla.<<