Was mir die Sinfonien Beethovens und Gustav Mahlers bedeuten und ihre Bezüge zum Inhalt der Paganini-Identität
Beethoven ist einer der Komponisten, der mich vollends von klassischer Musik überzeugte. Und dabei ist es nicht nur die wundervolle Musik, welche mich in Mark und Seele berührt, zutiefst erfreut und mir das Gefühl gibt, als gäbe es den Himmel auf Erden. Es ist auch die inhaltliche Verbundenheit, die Thematik und die Konflikte, welche innerhalb der Sinfonien zum Ausdruck kommen, die mich berühren.
Beginne ich mit der zweiten Sinfonie. In dieser werden in virtuoser Weise die inneren Kämpfe Beethovens musikalisch deutlich. Er komponierte es zu einer Zeit, wo seine beginnende Ertaubung immer deutlicher wurde und auch im gleichen Jahr, als er das Heiligenstädter Testament verfasste. Heiligenstadt war ein Kurort, wo er sich eine Heilung seiner fortschreitenden Otosklerose erhoffte. Ein Zeugnis seines Seelezustandes ist ein nie abgeschickter Brief an seine Brüder, in dem er voller Sorge und Pessimismus sein schlechter werdendes Gehör und auch Suizid Gedanken beschreibt. Die zweite Sinfonie ist jedoch alles Andere als pessimistisch, sie ist kraftvolle und gewaltig, strotzt vor Optimismus, Humor und Kraft. Frei nach dem Zitat aus einem seiner Briefe an seinen Freund Wegeler: "Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht".
Ich sterbe jedes Mal, wenn ich diese Musik höre, Musik, die nicht von dieser Erde sein kann, weil sie einfach zu schön ist.
Hier passt ein Zitat von Nicolo, als er und Ana sich näher kommen.
>>Huuuu<<, hauchte Nicolo ihr ins Ohr - >>Ich sterbe. Ich sterbe!<<
Die Gewalt dieser Sinfonie entläd sich in seinem unbändigem Willen, sie unbedingt zu retten. Wohlwissend, dass seine Welt zusammenbricht setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, um sich dem Schicksal zu entziehen.
Die 5. Sinfonie vermittelt ebenso einen kraftvollen und hoffnungsvollen Klang. Man sagt ja, Beethoven hätte zu dieser gesagt "So klopft das Schicksal an die Tür". Ganz besonders interessant ist das Ende des 4. Satzes, ein Ende, welches nicht aufhört und vollkommen übertrieben und überschwänglich erscheint. Dies zeugt von dem großen Humor Beethovens. Witzig ist zudem bei dieser, das die einleitenden Klänge in Form von kurz-kurz-kurz lang im Morsealphabet der Zahl 5 (V) entspricht, und das obwohl dieses Alphabet erst Jahre später entwickelt wurde. Also ein Zufall, aber ein witziger!
Die ersten Klänge wurden auch in dem Film "Das Ende der Welt" zitiert. Somit kann man den Film als Nicolos Schicksal betrachten, denn so sehr er sich auf diesen Film freut, so sehr ist es sein Schicksal, welches sanft an seine Tür anklopft und er es zunächst nicht wahr haben möchte und das Kino verlässt. Doch das Schicksal lässt nicht locker. Ana Maria tritt in sein Leben, und ob er es will oder nicht, es kommt der Tag, an dem sie an seine Tür klopft, und ab da ist alles anders...
Auch seine 7. strotzt vor grenzenloser Kraft, Energie und Freude, was so als würden Himmel und Erde aufeinander stürzen (Satz 1), im romantischen zweiten Satz ist es etwas nachdenklicher, und ab 3 und vor allem 4 geht die Post richtig ab. Hier wird die Freude Beethovens über die sich abzeichnende Niederlage Napoleons deutlich. Das ganze Werk ist stark durch Rhythmus geprägt, was Richard Wagner einmal Aphotese des Tanzes nannte, eine Verherrlichung. Für mich ist diese Sinfonie eine der größten, die es jemals gab.
Zur 9. Sinfonie kann ich nur sagen, dass ich sie unendlich liebe. Kann es größere oder bessere Musik geben als diese? Wie konnte ein tauber Mann nur diese schreiben? So freudvoll und hoffnungsvoll, von unbändiger Schönheit. Die ersten beiden Sätze kraftvoll und stark, sie verleiten schon beim Zuhören eine unglaubliche Energie, das wunderschöne Adagio des dritten Satzes ist von außerirdischer Schönheit. Und der 4. Satz mit dem berühmtem Schlusschor von Schiller. Spätestens hier zeigt sich, dass Beethoven nicht von dieser Welt war und doch die irdischen Probleme kannte. Der letzte Satz versinnbildlicht die Werte, die alle Menschen teilen sollten. Alle Menschen werden Brüder…
Dabei beginnt der 4. Satz in tiefen Klang bereichen und erklimmt sich neue, ungeahnte Höhen, rauf auf den Cellis, rauf auf den Violas bis zu dem himmlischen Geigen, den Klängen des Himmels.
Ob dieses Finale auch das Ende der Paganini-Identität darstellt, bleibt der Interpreation der Leser vorbehalten.
An dieser Stelle müssten auch noch die 3. und die 6. Sinfonie erwähnt werden. Denn diese gehören ebenso zu der wundervollsten Musik, die jemals komponiert wurden.
Die Sinfonien Mahlers
Genau wie mich die Sinfonien Beethovens ein Leben lang begleiten werden, mein Schreiben inspiriert und begleitet haben, so verhält es sich mit denen von Gustav Mahler. Mahler, der in der Tradition Wagners komponierte, also in Grundzügen relativ cineastisch, überzeugt durch eine emotionale Tiefe, Melancholie und Romantik, wie sie nicht tiefer sein könnte.
Der erste Satz der ersten Sinfonie beginnt langsam, fast wie ein langsames hineinblicken in die Komplexität der Welt, bis das Thema erklingt. Dieses ist aus dem Liederzyklus von Mahler "Lieder eines fahrenden Gesellen" entliehen, ein Liederzyklus, welcher die Trauer eines unglücklich liebenden Menschen beschreibt. Und ebenso wie dieser Liederzyklus sind die ersten beiden Sätze hoch romantisch und zauberhaft schön, mit Stellen von Hoffnungslosigkeit und Trauer. Es beschreibt das Schönste nur erdenklich als das Schönste und damit das traurigste zugleich.
Dies ist auch noch im dritten Satz zu spüren, allerdings klingt hier schon ein ironischer Unterton dazwischen, welcher im düsteren 4. Satz mündet. Ein Trauermarsch von zauberhafter Schönheit und aufkeimender Hoffnung, die wieder niedergedrückt wird und in der Stille verschwindet. (Anmerkung: Es gibt auch eine 4 sätzige Version dieser Sinfonie. Gemeint ist hier die mit 5)
Der letzte Satz klingt gehetzt, schroff und aggressiv. Die Musik türmt sich auf, um in einem vorweggenommen Schluss zusammenzubrechen. Doch es geht weiter und Mahler setzt zum mächtigen Finale an, der jedoch (vgl. Beethoven) einer Verherrlichung eines Tanzes ähnelt. Eine sehr emotionale Sinfonie, welche sicherlich zum Besten gehört, was jemals komponiert wurde.
Seine 3. Sinfonie ist da etwas anders. Mit ihrer gigantischen Länge von 95 Minuten ist sie sogar deutlich länger, als Beethovens 9. Sinfonie. Zum besseren Verständnis gab Mahler Informationen zu dieser ab. "Die Paganini-Identität" lehnt sich übrigens thematisch stark an diese Programmatik an.
1. "Pan erwacht. Der Sommer marschiert ein"
2. "Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen"
3. "Was mir die Tiere im Walde erzählen"
4. "Was mir der Mensch erzählt"
5. "Was mir die Engel erzählen"
6. "Was mir die Liebe erzählt"
Diese 6 Punkte beschreiben den Inhalt dieser Sinfonie wirklich vollkommen. Pan ist übrigens der griechischen Mythologie nach der Hirtengott. Und obwohl Paganini kein Hirtengott ist, sind verknüpfungen offensichtlich. Bezogen auf das Buch könnte man schreiben:
1. Paganini erwacht. Der Sommer marschiert in Form von Ana Maria ein.
2. Was mir der Mensch erzählt (Paganinis Herzleid ähnelt dem Liedtext dieses Satzes. Hier ist er:
"Das trunkene Lied
O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
Friedrich Nietzsche
Was folgt sind noch die letzten beiden Punkte:
3. Was mir die Engel erzählen (in Form von Alina Mahler)
4. Was mir die Liebe erzählt (wie das zusammenpasst möchte ich nicht vorweg interpretieren, doch wer der Musik genau lauscht, wird es im Buch verstehen)
Diese Musik beschreibt in ihrem Kosmos eine ganze Welt, vom Erwachen, bis hin zum Erkennen der vollendeten Schönheit dieser Welt, und vom Kummer, welcher aus dieser Schönheit herrührt. Beantwortet wird es ähnlich wie in der neunten Sinfonie von Beethoven durch quasi einen Aufstieg in den Himmel. Hier wird Gott als die Liebe selbst beschrieben. Eine wundervolle Sinfonie, die an Komplexität und Schönheit wahrlich in jeder Sekunde vollendet ist, alle 95 Minuten und niemals langweilig ist. Und es war mein Ziel, all das auch in der "Paganini- Identität" zu haben.
Die 4. Sinfonie schlägt da eine andere Richtung ein. Auf den ersten Blick mag sie humorvoll erscheinen, doch zeigt sich in ihr auch das Abgründige des Humors und der Ironie. Anders als noch in der voltairschen Philosophie, in welcher der Humor als das Instrument verstanden werden kann, um aller Grausamkeit der Welt zu entgehen, zeigt eben dieser Humor und Ironie sein grausiges Gesicht.
"Die Vierte träumt sich in eine Kindheit zurück, der man nachtrauern muss, der aber nicht mehr zu trauen ist." (Jens-Malte Fischer).
Die naiv anmutende Vorstellung eines Paradieses verblasst vor der bitteren Realität. Dabei ist der Schlussgesang als bittere Persiflage auf das irdische Leben zu verstehen (Kein Musik ist ja nicht auf Erden, die unsrer verglichen kann werden…) Wer das in der Paganini-Identität sucht, wird fündig. Ich denke da nur mal an das Kapitel "Shangri La" und den letzten Abschnitt im Krankenhaus.
Sinfonie Nummer 9 ist ebenso wie die 3. eine gewaltige Inspiration für "Die Paganini-Identität" gewesen.
Der erste Satz ist von unbändiger Schönheit, wie sie bis Dato noch nie im Orchester erklang. Ein sanftes Geigenmotiv symbolisiert das seufzen eines sterbenden Mannes. Der erste Satz ist wie ein wilder Ozean, der sanft und traurig seufzend beginnt, sich aufbäumt und in einer grausigen Schreckensvision mündet. Ein bitterer Kampf eines sterbenden Menschen, der am Leben hält und doch verzweifelt. Immer dann, wenn sich die Musik zu ihrer schönsten und atemberaubenden Schönheit aufbäumt, wird sie durch Dissonanzen, Trommelwirbel und abfallende Motive zu Tode geprügelt. Jedes Aufbäumen erscheint zwecklos, endet es doch nur in Terror und Verzweiflung, Hass und Gewalt. Am Ende dieses sehr langen Satzes steht die Resignation und Aufgabe dem unweigerlichen Schicksal gegenüber. Allerdings ist diese Aufgabe kein erzwungener Frieden. Es ähnelt mehr einer Akzeptanz dem gegenüber, was geschehen muss. Ganz offensichtlich ist die Nicolos Schicksal...
Es folgt, was folgen muss. Der gewonnene Frieden muss sich der Realität stellen. Es folgt ein Tanz mit dem Tod, der romantisch beginnt und sich mehr und mehr ins Skurrile verwandelt. Bekannte, traditionelle Klänge wandeln sich bis zur Unkenntlichkeit.
Dies findet sich im Zug wieder, und mit jedem Gespräch kommt er seinen eigenen Realität näher und näher. Im Kapitel 23 kurz vor dem Finale wird er ein letztes Mal vor die ultimative Frage gestellt, ob sein Frieden tatsächlich gewonnen oder nur oberflächlich gewonnen wurde.
Der dritte Satz ist nichts für ungeübte Zuhörer. Dissonanzen und Kontrapunktierungen treffen sich hier in beklemmender Weise. Die Musik ist so mehrstimmig und es bleibt wenig Raum für Harmonien. Wer bewusst hört und sich darauf einlässt, könnte ersticken. Dies ist zeitlich im Buch eher früher anzusiedeln und sicherlich nicht schwer zu finden.
Das alles mündet im 4. Satz, der sich mehr und mehr auflöst. Der 4. beginnt einen Halbton tiefer als der erste, und so setzt sich ein Gefühl von verschobener Bekanntheit ein, fast so, als würde man nach vielen Jahren wieder einen geliebten Ort besuchen, und alles ist so wie es war, und doch ist alles anders. Im Buch findet sich das im Finale, die Zugspitze. Mit fortschreitender Dauer löst sich die Musik mehr und mehr auf und verschwindet in der ewigen Stille. Mahler wusste zu diesem Zeitpunkt, dass er sterben würde. Diese Sinfonie kann man als Abschied betrachten. Ganz wundervolle, ehrliche und tiefe Musik, von unsäglicher Schönheit und tiefer Traurigkeit, die am Ende überwunden wird. Die Ruhe am Ende ist dabei als der Frieden zu verstehen, der bereits am Ende des ersten Satzes erreicht wurde, und sich nun im tatsächlichen Sterben bewährt hat.
Neben den 9 Sinfonien hat Mahler auch das "Lied von der Erde" komponiert, ein tieftrauriger Liederzyklus in sinfonischer Form.
Alleine der erste Satz spricht Bände, über das, was gesungen wird. "Das Trinklied vom Jammer der Erde" ist die thematische Einleitung in diesen traurigen Liederzyklus. Hier ein kurzes Zitat.
…
Wenn der Kummer naht,
Liegen wüst die Gärten der Seele,
Welkt hin und stirbt die Freude, der Gesang.
Dunkel ist das Leben, ist der Tod.
…
Die weiteren Sätze handeln von Einsamkeit, von Gedanken an vergangene tage, die Jugend und auch von der Schönheit. Fortgeführt wird es mit einem erneuten, hämischen Trinklied gegen den Kummer, der Längst überhand gewonnen hat. Es endet mit dem Abschied, einem tieftraurigen Stück von göttlicher Schönheit, von Einsamkeit und dem bitteren Abschluss mit dem Leben. Es handelt von dem fehlenden Frieden, die eine gequälte Seele zu Lebezeiten niemals erreichte.
Ein kurzes Zitat:
Er sprach, seine Stimme war umflort:
Du, mein Freund,
Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold!
Wohin ich geh'? Ich geh', ich wand're in die Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz!
Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte.
Ich werde niemals in die Ferne schweifen.
Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!
Die liebe Erde allüberall
Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!
Allüberall und ewig blauen licht die Fernen!
Ewig.. Ewig...
Ich war nie ein Freund von Melancholie, doch nun bin ich es. Ich hätte nie gedacht, dass unbändige Trauer so schön sein kann. Das Lied von der Erde ist ein Lied über das Leben, den Kummer und den Schmerz. Es ist einfach nur schön!
Mahlers Musik führte mich in eine abgründige Welt, voller Dämonen, böser Geister und dem Tod höchstpersönlich. Denn in einer Welt, wo es soviel schönes gibt, dort muss es auch das andere geben. Mahlers Musik schenkte mir einen Einblick in beide Welten. Dafür muss ich ihm dankbar sein.
Zum Abschluss noch die letzten Zeilen aus dem Liedtext aus Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen". Es ist der traurige Höhepunkt eines 4 sätzigen Liederzyklus. Was das mit der "Paganini-Identität" zu tun hat, lasse ich offen ;o)
>>...Auf der Straße steht ein Lindenbaum,
Da hab ich zum erstenmal im Schlaf geruht!
Unter dem Lindenbaum, der hat
Seine Blüten über mich geschneit,
Da wußt ich nicht, wie das Leben tut,
War alles, ach, alles wieder gut!
Alles! Alles! Lieb und Leid!
Und Welt und Traum!...<<